Der Frühling 2017 leutete ein und wir hatten Urlaub. Die Temperaturen waren warm genug, sodass unsere nächste Motorradtour gen Süden starten konnte, was sonst?! Nach unserer letzten Reise hatten wir uns ja Italien fest vorgenommen. Darüber hinaus leistete ein Kollege schon seit knapp zwei Jahren Überzeugungsarbeit, dass wir mal den Lac de Sainte-Croix (Südfrankreich) besuchen sollten. Damit entwickelte sich langsam eine Route: Über Südfrankreich rüber nach Italien und zurück. Diese Tour war eine der beeindruckendsten, aber auch Nerven zehrendsten und kältesten Touren, die wir je gemacht haben. Es gibt also sehr viel zu erzählen und zu zeigen.
Unser Equipment erweiterte sich nur um ein paar Drybags, die die Mülltüten um die Schlafsäcke ablösten, und meinen brandneuen perlweißen Arai-Helm. Ansonsten sind nebst den Schlafsäcken unsere Therm-a-rest Matratzen, Zelt, Campingkocher und Campingstühle wieder mit dabei gewesen.

Da wir ganz schnell aus dem Norden in den Süden fahren wollten, machten wir uns an einem Samstag Morgen gegen 08:00 Uhr auf den Weg und fuhren ganze acht Stunden über die Autobahn bis zu unserem ersten Zwischenstopp, Heidelberg. Die Temperaturen sahen nachts auch noch nicht so einladend aus, weshalb wir uns somit erstmal in einem Hotel einquartierten. Hier luden wir schnell unsere Sachen ab, damit noch genügend Zeit war, die Stadt zu entdecken, allem voran das Schloss Heidelberg. Dieses besuchten wir zusammen das erste Mal und der Eindruck war majestätisch.



In der Altstadt stillten wir unseren Hunger zünftig mit Käsespätzle und Live-Klaviermusik. Die Fahrt hatte an jenem Tag jedoch schon einige Kräfte gekostet, weshalb wir uns schon bald auf unser Bett freuten.
Am nächsten Morgen ging es nach kurzer Nacht weiter nach Dijon, wo wir am Vortag ein Zimmer im wundervollen Bed & Breakfast des Marcs d’Or reservierten, da auch hier die nächtlichen Temperaturen zum Zelten nicht geeignet waren. Bis Freiburg nahmen wir noch die Autobahn, ab Landesgrenze nur noch die Landstraße. Beim Grenzübergang begrüßte uns zu beiden Seiten in voller Montur die Gendarmerie mit schwerem Geschütz. Da wir nicht so recht wussten, wie wir uns richtig zu verhalten haben, fuhren wir in Schrittgeschwindigkeit vorbei. Den Handzeichen zu urteilen, sollten wir jedoch zügiger vorbei fahren. Nach ein paar Minuten zeigten sich dann endlich die schöneren Seiten Frankreichs.
Ich kann bis heute nicht sagen, ob es Einbildung war, aber seit dem wir auf französischer Seite waren und bei allen unseren weiteren Routen durch Frankreich, roch es überall nach verschiedenen Blumensorten. Von einer Duftwolke in die nächste, konnte ich Patrick Süskinds Figur Jean-Baptiste Grenouille aus „Das Parfum“ fast nachempfinden, noch bevor die mörderische Seite Überhand nahm 😉
Im kleinen Château des Marcs d’Or angekommen, begrüßte uns Ludovic sehr herzlich und zeigte uns, wo wir die Motorräder direkt auf dem Grundstück parken konnten.

Nach erfrischender Dusche bot Ludovic an, uns in die Altstadt zu fahren, die fußläufig eine dreiviertel Stunde entfernt war. Wir hätten zwar auch unsere Beine benutzt, aber so hatten wir mehr Zeit, um die Altstadt zu entdecken. Während wir auf Ludovic, der noch andere Gäste verabschiedete, warteten, begrüßten uns seine Katzen. Eine der beiden, Nenette, war so zutraulich, dass sie bei uns beiden direkt jeweils auf die Schulter sprang, sobald man sich zum Kraulen bückte. Natürlich wollte ich sie nicht verscheuchen, also chauffierte ich sie bis zu unserem Warteplatz.

Während der Fahrt gab uns Ludovic noch viele nützliche Hinweise über die Altstadt, zum Beispiel die Route der Eulen, die sehr gut durch die Stadt an all ihren Monumenten entlang führt. Bevor wir uns aber auf den Weg machten, lockte uns zu Beginn der Altstadt eine Craft Beer Bar, in der wir erstmal eine kühle Erfrischung genossen. Anschließend konnte die Reise der Eulen losgehen.


Der Eulenweg führte durch viele kleine Gassen, vorbei an großen Monumenten und unterschiedlichen Jahrhundertbauten. Vom 15. – 16. und 17. – 18. Jahrhundert konnte man die Viertel sehr gut voneinander trennen.


Positiv fand ich die Plakatwerbung der Parteien für die bevorstehenden Wahlen. Dafür gibt es in ganz Frankreich wohl fest vorgesehene abgesteckte Plätze. Es werden nicht einfach alle Laternenmasten behangen oder riesige Plakatwände aufgestellt, so wie es bei uns in Deutschland üblich ist. Das spart Müll, Steuergelder, die die Werbung finanzieren und lässt die Stadt in ihrem täglichen Glanz erleuchten. Nun bleibt zu hoffen, dass Frankreich menschen- und europafreundlich wählen wird!

Mit unserem vegetarischen Lebensstil sind wir hier auch zum ersten Mal an die Grenzen geraten, da Frankreich verrückt nach Fleisch ist! Wir fanden zum Abend gerade mal zwei Restaurants (und leider nur die, die Touristen anlocken, da die Cuisines locale durchweg karnivor gestaltet waren). Die Pizza stillte zwar den Hunger, war aber alles andere als gut. Wir konnten diese dann bei einem 3/4-stündigen Nachtspaziergang zurück zum Château verdauen.
Am nächsten Morgen ging es nach einer ruhigen Nacht und ausgiebigem Frühstück in der Sonne frisch gestärkt weiter. Bis auf den schönen Blumenduft, der mich mal wieder packte, waren die Straßen und Landschaften in der Mitte Frankreichs eher geradlinig und langweilig. Es gab jede Menge Insekten, die leider nicht an unseren Helmen vorbei flogen. Wir mussten daher unsere Helme so häufig putzen wie noch nie, um weiterhin sehen zu können.

Als wir mit klarer Sicht weiter fuhren, passierte es auf der D1075 auf einmal unverhofft: Wir folgten gemütlich einer Autokolonne. Plötzlich hinter einer Kurve sah ich meinen Freund mit seinem Moped regelrecht fliegen und unter seiner Maschine schleuderte eine ein Meter lange Metallstange empor, über die die Autos zuvor nur hinweg fuhren!
Er konnte ihr nicht mehr ausweichen, fuhr aber zum Glück geradewegs darüber und konnte die Maschine dabei aufrecht halten (und das in der Kurve…). Da er die Stange weg schleuderte war es wenigstens für mich möglich, diese kurzfristig zu umfahren. Mein Freund stand sichtlich unter Schock, denn er überlegte noch weiterzufahren, während ich von hinten signalisierte, dass wir lieber mal kurz anhalten. Ich lief zunächst zur Metallstange zurück und entfernte sie von der Straße. Nachdem wir unsere Helme abnahmen und uns etwas beruhigen konnten, hörte ich das laute Zischen… Es hatte den Vorderreifen komplett erwischt – aber zum Glück nicht meinen Freund!
Wir hatten ihn bis dahin erfreulicherweise nie gebraucht, aber bei einer Panne im Ausland war uns der ADAC hier eine sehr große Unterstützung. Problematisch war nur, dass wir in keiner Stadt waren, sodass ich Mühe hatte, der guten Dame am Telefon zu erklären, wo genau wir waren. Wir konnten es wenigstens auf zwei Dörfer und „bei Lyon“ eingrenzen und mussten bei sengender Mittagssonne glücklicherweise nur eine Stunde ausharren. Zum Warten suchten wir uns den einen Quadratmeter, der uns Schatten bot. Vorbildlich mit Warndreieck und Westen saßen wir somit am Rande während sehr viele hilfsbereite Menschen nach unserem Wohlbefinden fragten und ihre Unterstützung anboten. Bei anderen Moped-Fahrern dachten wir nur „Ihr wisst gar nicht, welches Glück ihr habt…“

Nach etwas mehr als einer Stunde kam der ersehnte Abschleppdienst. Nur leider konnte der Herr kein Englisch und unser Französisch reichte nicht aus, um die Problematik gut zu erklären. Als wir aber im gebrochenen Französisch nachfragten, ob er uns zu einer Werkstatt fährt, die das Problem noch heute lösen könnte, da gemäß ADAC-Auskunft die Werkstätten in Frankreich am Montag zu hätten, antwortete er zu unserer Erleichterung „Garage est ouvert.“.

Ich fuhr dem Abschlepper hinterher und in der Werkstatt angekommen mussten wir feststellen, dass auch dort niemand mit uns Englisch sprechen konnte. Als sie mit uns in Wasserfall-Geschwindigkeit Französisch redeten und merkten, dass wir darauf nicht antworten konnten, hoben drei Leute gleichzeitig ihre Arme nach oben und riefen „Pneu kaputt!“. Ich musste mir das Lachen verkneifen, gab aber zu verstehen, dass wir uns das dachten, und fragte nach, wie denn die Lösung aussehen würde. Sie erklärten uns, dass der Reifen repariert, sprich geflickt, werden würde. Da uns das bei dem lauten Zischen etwas komisch vorkam, hielten wir Rücksprache mit unserer Werkstatt des Vertrauens in Deutschland. Wir bekamen zur Antwort, dass man das mal machen kann, aber damit nicht sehr weit fahren sollte. Und wir waren doch erst am Beginn unserer Reise…
Etwas später kam dann ein Mechaniker, zeigte uns den Riss im Reifen und gab uns zu verstehen, dass ein Reparieren nicht möglich sei, sondern der Reifen ausgetauscht werden sollte, was uns in Hinblick auf unsere Motorradreise besser gefiel.


Nun kamen uns aber weitere Bedenken, denn die Werkstatt war auf Autos spezialisiert und hatte nur Autoreifen vorrätig. Als ich die Dame am Schalter fragte, welchen Reifen sie den aufziehen würden, bekam ich nur wieder eine Wasserfall-Antwort, auf die ich nicht reagieren konnte. Also rief sie den ADAC zum Dolmetschen an.
Man erklärte uns, dass sie bei einem befreundeten Mechaniker, der eine Motorradwerkstatt hätte, den Reifen wechseln und das Rad auswuchten lassen würden. Wir fragten dann nochmal zur Sicherheit nach, um was für einen Reifen es sich denn handeln würde, denn bislang waren dort zwei Touring-Reifen aufgezogen – es sollte wohl derselbe sein. Welche Erleichterung!
Nach einer Stunde kam der Mechaniker zurück mit einem Reifen. Wir merkten aber schon am Profil, dass es nicht der Gleiche sein konnte. Es gab viel weniger Profilrillen und mein Freund ahnte schon was – er recherchierte kurz auf dem Handy und stellte fest: Das ist ein Racing-Reifen!
Die Dame am Schalter lief mehrmals hin und her, sodass wir vermuteten, sie hätte den Fehler auch bemerkt. Nach einer halben Stunde kam sie dann lächelnd mit der Rechnung in der Hand. Ich äußerte dann unser Bedenken, dass dies nicht der gleiche Reifen ist. Der neue besitzt bei Regen ganz schlechte Eigenschaften und wäre damit eine Gefahr beim Reisen. Wir hatten auch noch nie von einer Kombination aus Racing- und Touring-Reifen gehört…

Im Wasserfall-Speed murmelnd ging sie zum Telefon und wir kommunizierten wieder über den ADAC. Der ursprüngliche Reifen würde wohl in Frankreich nicht mehr produziert werden, aber der neue Reifen sei immerhin, ich zitiere, „von der selben Marke“. Etwas kopfschüttelnd standen wir da, denn „même marque“ bedeutet ja nicht dieselben Eigenschaften. In Anbetracht unserer Möglichkeiten, machten wir dann keinen weiteren Stress und kauften den Reifen für 150 Euro – was in unserer Notlage immer noch sehr günstig war. Wir überlegten, am nächsten Tag in Lyon zu einer Triumph-Werkstatt zu fahren und einen passenderen Reifen aufzuziehen.
Während des ganzen Wartens habe ich unserer nächsten Unterkunft, einem Château in der Provence, leider absagen müssen, da wir dieses wohl an dem Tag nicht mehr erreichten. Gegen 18:30 Uhr, also zirka sechs Stunden nach Eintritt der Panne, sind wir dann vorsichtig zum Zeltplatz in Lyon gefahren. Hier sollte es nachts auch sehr kalt sein, aber durch die Panne waren wir gezwungen, flexibel zu handeln und bereits einen Tag vorher damit zu beginnen. Beim Pasta Kochen überlegten wir, wie unsere weiteren Pläne aussehen sollten. Wir kamen auf die vernünftigste Idee, erstmal eine Nacht darüber zu schlafen.
Wie die Reise weiter geht, liest Du auf Seite 2